Dienstag, 14. Dezember 2021

Gelesen: Die Bertinis

Die Bertinis von Ralph Giordano (Roman)
S. Fischer Verlag/Lizenzausgabe für den Bertelsmann Club
Erschienen 1982
- keine ISBN -

Warum dieses Buch? Das Buch ist seit den 1980er Jahren im Familienbesitz, und ich hatte es seinerzeit bereits gelesen. Nach der Lektüre des Buches von Hans-Jürgen Massaquoi war es mir ein Anliegen, der gedanklichen Vollständigkeit halber, diesen Roman noch einmal zu lesen.

Klappentext:
"Eine großangelegte Familien-Saga, ein exemplarischer Zeitroman. Ralph Giordano erzählt vom Schicksal der Familie Bertini in den Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Die Bertinis - der Vater ist italienischer, die Mutter jüdischer Herkunft - gehören nach der unheilvollen Definition der Nazis zu den Menschen, die nicht "deutsch" sein dürfen, die drei Söhne gelten nach einer widerlichen Sprachregelung der Zeit als "Mischlinge". Damit gerät die Familie wie viele andere in den grausamen Strom nationalsozialistischer Verfolgung, ihr droht die Deportation und das von Hitlers Schergen ersonnene Inferno.
Die Vorgeschichte beginnt Ende des letzten Jahrhunderts*, die eigentliche Handlung setzt vor 1933 ein und führt bis in die ersten Nachkriegsjahre. Ihr Schauplatz ist Hamburg - von den Elbvororten bis zum Stadtpark, von Barmbeck** im Norden bis zum Hafen im Süden, mit unvergeßlichen, in den dramatischen Ablauf verwobenen Gestalten, Bildern, Situationen. Fast unglaublich ist diese Geschichte: Der Autor hat mit seiner Phantasie die nackte Realität überhöht; es ist ihm gelungen, eine sinnfällige Schilderung von Menschen unter unmenschlichen Bedingungen zu schaffen. Giordano schildert die kleinen Leute mit ihren Schwächen unter dem grausamen Druck des herrschenden Bösen, mit ihren liebenswerten Zügen, mit dem Ausmaß des ihnen zugefügten Leides und der Fähigkeit zum Überleben. Nichts wird geschönt, keine bittere Erkenntnis verschwiegen. Doch was immer es an Furchtbarem gab: die Liebe zu Hamburg; diese ganz unsentimentale Heimatliebe, bleibt unerschüttert und ist entscheidend für die Zukunft der Bertinis.

*letztes Jahrhundert aus der Sicht von 1982

** damals übliche Schreibweise, heute "Barmbek"

Ralph Giordano, geboren 1923 in Hamburg und dort aufgewachsen, durchlitt in seiner Heimatstadt ab 1933 als rassisch Verfolgter Schikanen und Grausamkeiten der nationalsozialistischen Machthaber. Nach dem Kriege war er als Journalist tätig. Seit 1964 trat er mit zahlreichen vielbeachteten Fernsehdokumentationen für den Westdeutschen Rundfunk und den Sender Freies Berlin hervor."

- Alte Rechtschreibung, so abgetippt vom Klappentext. Das Buch ebenso, aber nach dreimal stutzen über die "ß" las es sich flüssig -

Puh. Was für ein Buch!
Der Inhalt ist im Klappentext ausführlich dargelegt. Deshalb nicht mehr dazu.

Zunächst merkte ich, dass sich die Schreib- und Lesegewohnheiten seit Erscheinen des Buches massiv verändert haben. Ich kann nicht genau sagen, ob es die langen Sätze oder die Ausdrucksweise "an sich" sind, aber es braucht ein bisschen Eingewöhnung in den altertümlich anmutenden Stil. (Ich hatte diesen Eindruck nicht als junge Frau, also hat sich unser Sprachgebrauch gewandelt.)
Ist man nach ein paar Seiten erstmal drin in der Geschichte, liest sich der Roman aber flüssig. Da es über 700 Seiten sind, braucht die Lektüre ein paar Tage...

Für mich persönlich war es - nach dem oben genannten Buch von H.-J. Massaquoi - ein weiterer  Aufenthalt in Hamburg-Barmbek, wo ich von 1957 bis 1977 aufgewachsen bin, gelebt habe, aber es ist ein Stadtteil, der selbstverständlich vor der "Operation Gomorrha" ein wenig anders ausgesehen haben muss. (Und der aktuell wieder im Wandel begriffen ist.) Trotzdem fiel es mir leicht, mich zu verorten, nur zwei Straßennamen sind im Buch geändert: Ich bin also mit dem Protagonisten durch die Straßen gelaufen, weiß gedanklich die Orte zu finden... Obwohl "zu meiner Zeit" vieles neu und anders war, war manches eben doch erhalten.

Das Buch ist zwar ein Roman und soll ausdrücklich keine Biografie sein, lese ich aber bei Wikipedia über Ralph Giordano und sein Leben, sehe ich, dass das Buch weniger Roman und doch mehr Autobiographie sein muss. (Romanhaft dürften die Befindlichkeiten und Dialoge der Familie sein, selbstverständlich.) Das ganze NS-Regime war so erschreckend brutal, dass der Autor Zeit seines Lebens für Zivilcourage und Nicht-Einschüchterung eingetreten ist.

Ich kann diese Lektüre dringend empfehlen, sie lässt damit jedermann miterleben, wie unglaublich schrecklich und menschenunwürdig die NS-Zeit gewesen ist. Das darf nicht vergessen werden.

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