Einsiedlerkrebse von Anne B. Ragde
btb - Random House
ISBN 978-3-442-74022-2
Warum dieses Buch? Der zweite Teil der Trilogie um das Lügenhaus. Nach dem abschließenden Cliffhanger bleibt einem gar nichts Anderes übrig, als unmittelbar mit dem nächsten Buch weiterzumachen.
Klappentext:
"Seit dem Tod der Mutter ist auf dem maroden Familienhof Byneset nichts mehr so, wie es war. Der tief religiöse Bestattungsunternehmer Margido hat eine Affäre mit einer Witwe, Erlend und sein Lebensgefährte werden Vater, und ausgerechnet Bauer Tor verletzt sich schwer am Bein. Seine Tochter Torunn eilt extra aus Oslo zu Hilfe, aber Tor erwartet sich mehr von ihr: Als Anerbin soll sie ihr altes Leben hinter sich lassen und den Hof übernehmen. Doch manche Wünsche führen ins Verderben..."
Nach dem furiosen Ende des ersten Bandes geht es zunächst unerwartet beschaulich weiter. Niemand mag sich so recht mit der Eröffnung des Großvaters auseinandersetzen, so bleibt oberflächlich nach dem Tod von Anna fast alles beim Alten. Weihnachten ist vorbei, und alle fahren wieder nach Hause.
In diesem Buch werden die Charaktere vertieft, das Leben geht weiter...
Torunn lernt Christer kennen, vordergründig ein Mann, wie er im Buche steht, hat Schlittenhunde und lebt in der Natur. Andererseits ist er ein Finanzmanager, der "nebenbei" am Computer mit großen Geldsummen jongliert. Sie haben eine leidenschaftliche Affaire - oder ist es doch Liebe? Bis sich herausstellt, dass Christer... (kein Spoiler!)...
Tor verletzt sich beim Holzhacken am Bein, Torunn kommt aus Oslo zurück zum Hof und unterstützt ihren Vater mit der Schweinezucht, die ihr unerwartet Freude macht. Viel Arbeit ist es für sie, Ordnung und Sauberkeit auf den Hof am Rande des Ruins einziehen zu lassen. Der "Vater" lebt mit Tor und Torunn auf dem Bauernhof, gibt sich oft unbeteiligt, schwierig, zusehends wird seine Rolle ein wenig klarer, man bekommt Mitleid mit ihm. Aber er bleibt noch ein wenig rätselhaft. Torunn tut mir leid, sie arbeitet pausenlos und bekommt wenig Dank, weiß wohl auch selbst noch nicht so recht, was sie letztendlich möchte.
Es gibt eine Haushaltshilfe, einen Betriebshelfer, trotzdem geht es irgendwie auf dem Hof nicht recht voran.
Margido versucht, den Annäherungen einer Witwe zu entkommen...
"Margido, hier ist eine Dame, die mit dir sprechen will, soll ich sie reinschicken?" fragte Frau Marstad.
"Wer ist das denn? Ich habe jetzt keine Zeit, ich habe tausend andere Dinge zu erledigen."
"Wir hatten im Herbst ihren Mann hier. Selma Vanvik."
"Ach so. Ja, jetzt, wo du es sagst, kann ich mich an sie erinnern."
"Kann ich sie reinschicken? Oder soll sie hier auf dich warten?"
"Bitte sie herein. In ... In fünf Minuten."
Frau Marstads Kopf verschwand, er hörte, wie sich ihre Schritte in Richtung Empfangszimmer entfernten.
"Herr, mein Gott, blicke in Gnade auf mich herab, sei mir jetzt nah", flüsterte er, schloss seinen Füllfederhalter und legte ihn vorsichtig in die schmale Rinne in seiner Schreibgarnitur. Er saß so gut in seinem Sessel, hatte gerade noch daran gedacht, dass sich der hohe Preis für einen Håg-Sessel wirklich gelohnt hat. Rückenlehne und Sitz und Armlehnen ließen sich perfekt einstellen. Hier hatte er gesessen, hoch zufrieden, alles für überstanden gehalten und den Komfort eines Sessels genossen. War das auch eine Probe auf die er gestellt, Konflikte, in die er Hals über Kopf hineingestürzt wurde?
... der er dann doch zu Silvester kurzzeitig und zu seinem eigenen
Entsetzen erliegt. Ansonsten geht er ganz in seinem Gewerbe als
Bestatter auf.
Erlend und Krumme führen ihr luxuriöses Leben in Kopenhagen fort und beschließen, Vater zu werden. Sehr hilfreich ist dabei die Freundschaft zu einem Fauenpaar, das gerne Mutter werden möchte.
Alkohol spielt eine Rolle, sowohl bei dem Kopenhagener Paar als auch bei Tor, der zeitweise versucht, sich damit zu betäuben.
Jede Menge Erinnerungen (auch an Einsiedlerkrebse, obwohl der Titel ebenso gut die Personen beschreibt, die alle irgendwie gefühlsmäßige Einsiedler sind) kommen zutage, das Leben schleppt sich mühsam dahin.
Nach meiner Beschreibung ist es vermutlich kaum zu glauben, dass das Buch trotzdem so fesselnd ist, dass man es kaum aus der Hand legen mag - aber es ist so! Die Charaktere und ihre Gefühlswelten werden dermaßen eindringlich geschildert, dass man förmlich mitfühlt, lebt, leidet.
Da es ein durchaus würdiger Nachfolger des ersten Bandes ist, endet "natürlich" dieser Teil mit einem ganz erschreckenden, überraschenden Cliffhanger! (Wie gut, dass das dritte Buch bereits hier bereit lag!)
Mittwoch, 8. November 2017
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