Samstag, 13. Mai 2017

Gelesen: Wo die Sonne aufgeht

Wo die Sonne aufgeht (Roman)
von Pearl S. Buck,1968
in der einzig berechtigten Übersetzung von Maria Meinert
Carl Habel Verlag, Lizenzausgabe des Scherz Verlag
ISBN 3-87179-190-3

Warum dieses Buch? Ein Schnäppchen vom öffentlichen Bücherschrank, Pearl S. Buck war in meinen Mädchentagen eine meiner liebsten Schriftstellerinnen.

Klappentext:
"Auf der politischen Karriereleiter scheint es für Christopher Winters immer nur nach oben zu gehen - bis ihn, zwölf Jahre nach der Rückkehr aus dem Koreakrieg, seine Vergangenheit einholt. Soonya, die ihm ein Kind geschenkt und die er doch verlassen hat, steht, obwohl Welten entfernt, plötzlich zwischen ihm und seiner geliebten Frau.
Pearl S. Buck, für die der Ferne Osten zur zweiten Heimat geworden ist, stellt mit diesem spannenden und bewegten Werk einmal mehr ihre große Sensibilität für die Denkweisen, die Ost und West trennen und verbinden, eindrucksvoll unter Beweis. Die Nobelpreisträgerin hat sich hier ein weiteres Denkmal geschaffen."

Schon auf den ersten Seiten fallen mir zwei Dinge auf:

Erstens - die Sprache.
Damals, ich bin Ende der 50er geboren, war diese Sprache in Büchern, später auch im Fernsehen, völlig normal. Sie sollte mir vertraut vorkommen, scheint mir am Anfang aber nur völlig antiquiert. Übrigens werden hier auch Begriffe, die heute als nicht politisch korrekt verstanden werden, immer wieder benutzt, z.B. "Rassen..." Man sollte sich besser daran nicht stören, es waren seinerzeit völlig normale und gängige Begriffe.

Zweitens - die Stellung der Frau in der Gesellschaft.
Es fällt mir sofort auf, dass der Protagonist Chris, Politiker mit Karrierewünschen, eine Frau hat, Wissenschaftlerin, dazu hübsch, welche sich ständig unterzuordnen scheint. Das war zunächst seltsam.

"Schaut an, unsere First Lady ist zurück aus der Wildnis der Wissenschaft. Man sollte es nicht für möglich halten, wenn man Sie so ansieht, nicht wahr? Ich meine, Sie sind doch nicht der trockene Typ, wie man so sagt. Intelligent und hager sozusagen. Hallo Chris! Fühlen Sie sich besser?"
"Setzen Sie sich, Berman", erwiderte Chris, "Greta bringt gleich den Kaffee."
"Na, da komme ich ja gerade richtig. Wie fühlen Sie sich denn als Liebling des Volkes? Haben Sie es Ihrer Frau schon erzählt?"
"Noch zu früh. Es ist nur eine Umfrage, Laura."
"Künftige Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, wie man so sagt", bemerkte Berman. Er setzte sich und fuhr in ernstem Ton fort..."
...
Er wandte sich schwerfällig an Laura. "Unverzeihlich, vor dem kleinen Frauchen so zu fachsimpeln!"
Sie sah Chris an und biß sich auf die Lippe. Chris lachte.
"Vorsicht, Joe, Sie beleidigen meine Frau!"
Berman blickte unglücklich von einem zum anderen.
"Das wollte ich wirklich nicht - ich meine --"
"Chris will mich nur aufziehen", beruhigte Laura ihn.
"Achten Sie nicht auf ihn."
Sie sah ihren Mann übertrieben mißbilligend an, er mußte abermals lachen.
"Es war nur ein Scherz Joe. Ich spreche mit ihr über alles, und das wissen Sie auch. Sie hat mir schon einige der besten Ratschläge gegeben, die ich je bekommen habe. Eigentlich sollte sie sich als Kandidatin aufstellen lassen. nur möchte ich den Job eben gern für mich haben!"

(Alte Rechtschreibung originalgetreu wiedergegeben.)

Um die Handlung nachzuvollziehen, muss man sich zunächst also in die Welt der ausgehenden 1960er Jahre zurück versetzen.

Chris möchte sich zum Gouverneur seines US-Bundesstaates wählen lassen, und Joe Berman ist sein Manager. Kurz bevor es in den Wahlkampf geht, erreicht ihn ein Brief aus Korea: "Lieber amerikanischer Vater..."

Gerade frisch verheiratet mit Laura wurde zwölf Jahre zuvor Chris als Soldat nach Korea geschickt. In den Wirrnissen des Krieges, verunsichert, verängstigt, nie wissend, was wohl der nächste Tag bringen würde, hatte er sich mit Soonya, einer zurückhaltenden schönen Koreanerin zusammen getan. Schließlich bekamen sie einen Sohn, der nur wenige Wochen alt war, als Chris zurück nach Amerika ging, Soonya, der er nie etwas versprochen hatte,  mit dem Kind zurück ließ.

In Amerika wartete Laura auf ihn, die kluge und schöne Wissenschaftlerin, die so ganz anders war als Soonya, an die er sich zuerst ein wenig gewöhnen musste. Soonya war bald verdrängt bzw. so gut wie vergessen.

Bis zu diesem Tag, an dem er den Brief erhält, der alles zu ändern scheint. Er berichtet Laura von der Zeit in Korea, von Soonya, erzählt von dem Kind. Das scheint die Ehe in eine Krise zu stürzen. Sie vergewissern den jeweils Anderen stets ihrer Liebe, sind aber beide unsicher und verstört. Gleichzeitig nimmt der Wahlkampf an Fahrt auf und Laura beschließt, sich auf eine Reise nach Korea und der Suche nach dem Kind zu begeben.

Dort erlebt sie einen Zusammenprall der Kulturen, und sie versucht mit Hilfe von Freunden, die sie dort gewinnt, sich sowohl Soonya als auch dem offensichtlich von dieser ungeliebten Sohn vorsichtig anzunähern, beide kennenzulernen...

In leisen und einfühlsamen Worten schildert Pearl S. Buck das Fühlen, Denken und Handeln der Personen. Es ist eine tiefsinnige, ruhig erzählte Geschichte, wirbt für gegenseitiges Verständnis nicht nur der unterschiedlichen Mentalitäten und Traditionen, sondern sie schildert auch die Gefühlskonflikte der Beteiligten.

Selbstverständlich endet der Roman mit einem guten und versöhnlichen Ende und einer hervorragenden Perspektive für die Zukunft: "Vor ihnen lag ein neues Jahr."

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