Freitag, 2. Dezember 2016

Gelesen: Wilde Akazien

Wilde Akazien von Johanna Nicholls, Roman
Aus dem Englischen "Ghost Gum Valley"
Page & Turner/Random House, Taschenbuch
ISBN 978-3-442-20349-9

Warum dieses Buch? Teil eines größeren Bücherschnäppchens vor einigen Monaten.

Klappentext:

"Allein in der Fremde. Gejagt von den Dämonen der Vergangenheit und auf der Suche nach einem Mann, den sie nicht kennt.
Gloucestershire im frühen 19. Jahrhundert: Die 17-jährige Isabel de Rolland lebt seit dem Tod ihrer Eltern auf dem Herrenhaus ihres Onkels Godfrey. Trotz ihrer Jugend wurde Isabel schon oft vom Schicksal gebeutelt. Weil er das Mädchen loswerden möchte, das ihm auf der Tasche liegt, will Godfrey seine Nichte mit einem Mann in Australien verheiraten. Und so begibt sich Isabel auf eine gefährliche Reise in eine ungewisse Zukunft..."

Ein Wälzer von über 700 Seiten, weshalb die Bezeichnung "Taschenbuch" schmunzeln lässt. Offiziell wird es bezeichnet als "broschiert." Etwa zwölf Stunden Lesezeit sollte man dafür einplanen - die allerdings vergehen wie im Fluge, es ist ein Buch zum Abtauchen aus dem Alltag, voller Spannung, großartiger Landschaften, gefühlvoll - und spielt zu einer Zeit und in einer fremden Welt, deren Faszination man gern erliegt.

Anfang des 19. Jahrhunderts, Isabel de Rolland, 17jährig, lebt auf dem Landgut ihres Onkels, der ihr Vormund ist. Sie hat lange gebraucht, sich zu erholen und verbringt nicht eine einzige Minute ohne Aufsicht, nachdem sie vor längerer Zeit verwirrt und verirrt im Wald gefunden wurde. Man sagt, sie leide an der "Schlafkrankheit" (sie schlafwandelt offenbar gelegentlich).

Ihrem Onkel droht das Schuldnergefängnis, woran ihr Cousin, dessen Frau offenbar todkrank ist, mit seinem schwungvollen Lebenswandel nicht unschuldig ist. Cousin Silas - innerhalb der Sippe der de Rolland haben generationenlang Cousinen und Cousins einander geheiratet - stellt ihr nach und bezeichnet sie als Hexe, beide haben die Gabe "das Andere" zu sehen.

Eines Tages wird Isabel eröffnet, dass sie heiraten muss, damit ihr Onkel schuldenfrei wird. Der Ehevertrag ist bereits unterzeichnet, das Geld für die "Auslösung" ist bereits angewiesen, die Schiffspassage bezahlt - Isabel bleibt keine Wahl.

Ich wurde in eine Ehe verkauft. Warum haben sie mir eingeredet, dass ich eine Wahl hätte? Dass ich London und Paris besuchen könne? Die Wahrheit ist, dass ich mein Leben in dieser Sträflingskolonie im Indischen Ozean beenden werde. Und wer ist dieser "verdammte Kerl?" Warum hat mich niemand gewarnt?
Die Antwort versetzte ihr einen solchen Schock, dass ihr schlecht wurde.
Zwei Fliegen mit einer Klappe! Das Vermögen der Familie wird wiederhergestellt, und gleichzeitig können sie die größte Bedrohung für die Familienehre loswerden - mich! Mein Gott, es ist also nicht nur der Abschaum der britischen Gesellschaft, der dorthin verfrachtet wird. Diesmal bin ich dran! Und die Ehe ist eine lebenslange Strafe!

In Australien trifft nach langer Abwesenheit Marmaduke Gamble ein, wo sein mütterliches Erbe auf ihn wartet - oder auch nicht. Die Ländereien seiner Mutter hatte sie ihm auf dem Totenbett versprochen, war jedoch vor Unterzeichnung des Testaments verstorben. Sein Vater Garnet Gamble, der seine eigenen Ländereien bewirtschaftet, besteht darauf, dass Marmaduke heiraten müsse, um sein Erbe anzutreten. Marmaduke - ein Casanova vor dem Herrn - hat sich geschworen, sich nie zu verlieben. Überhaupt sind Vater und Sohn zwei rechte Streithanseln...

"Ah, Sie sind also der Gentleman mit den Blumen," sagte sie und lächelte schwach. Er folgte ihrem Blick zu dem Bukett, das er ihr hatte schicken lassen. Leider hatte die Blumensprache keine Möglichkeit, ihr verschlüsselt zu sagen: Ich sterbe, wenn du mich nicht in dein Bett lässt. Doch Marmaduke erkannte am Blick ihrer dunklen Augen, dass sie auch so verstanden hatte, was er sagen wollte.

Unter abenteuerlichen Umständen lernt er dann seine Braut Isabel kennen und wertschätzen. Sie ist eine mutige und sehr ehrliche Frau. Sie treffen ein Abkommen, dass sie eine Ehe ohne Liebe führen werden für ein Jahr, bis Marmaduke sein Erbe antreten wird. (Nach Ablauf dieses einen Jahres, so hatte er angekündigt, wolle Cousin Silas Isabel abholen und ehelichen - wovor sie ein zunächst nicht näher benanntes Grauen empfindet.)

"In welcher Hinsicht entsprechen wir nicht Ihren englischen Vorstellungen von Etikette?"
Sie winkte sorglos ab, als wären es zu viele, um sie einzeln aufzuzählen. "Kein englischer Gentleman würde in Anwesenheit einer Dame sein Jakett ausziehen oder seinen Hut aufbehalten. Oder vulgäre Ausdrücke benutzen, die wahrscheinlich Sträflingsjargon sind. Und Ihre Manieren bei Tisch... nun, bestenfalls würde ich sagen, dass Sie eher mit Genuss als mit Eleganz speisen. Jedenfalls dürften Sie nicht darauf hoffen, sich als englischer Gentleman ausgeben zu können." 

Bis dahin passieren so viele Dinge, gibt es so viele Bedrohungen, entpuppen sich Stärken und Schwächen, dass der Leser wie gefangen in diesem Land und dieser Zeit bleibt.


Australiens Geschichte inklusive sozialer Strukturen unterscheidet sich von unserer europäischen, ein Großteil des Kontinents wurde von britischen Sträflingen besiedelt  - England entsorgte so auf elegante Weise seine Straftäter. Somit bildete sich eine Gesellschafsstruktur, die uns heute seltsam anmutet.

Isabel hingegen stammt aus der ehemaligen britischen Königsfamilie der Plantagenets, aus der höchsten Gesellschaftsschicht, wodurch der "Emanzipist" deutlich an Status gewinnen mochte.

Sehr gern gelesen und eine Empfehlung für alle, die einfach gut unterhalten werden möchten.

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