Samstag, 8. Oktober 2016

Mit Luftnot durch den Alltag

Ich greife mal das Thema ... auf, ... was  "mir eh niemand abnimmt." (Person auf Facebook)

Ja, da habe ich auch so meine Schwierigkeiten!
Ich sehe gesund aus, etwas übergewichtig und dadurch eher "robust." Fahre jeden Morgen ins Büro und lebe (als Single) einen ganz normalen Alltag.
So weit, so gut.
Was niemand sieht:
Ich habe morgendliche Anlaufschwierigkeiten und muss daher recht früh aufstehen, dann beim Kaffee meine Medikamente inhalieren, warten bis sie wirken. (Ich gebe es zu, Facebook am Morgen und eine halbe Stunde TV Morgenmagazin gehören mit zu meiner Routine.)
Dann duschen und fertig machen - als Frau gehört auch Styling dazu, ich lege Wert auf mein Äußeres und gehe nie ungeföhnt und ungeschminkt aus der Tür.
Nur: Jede einzelne Minute im Morgenablauf ist durchgetaktet, es darf nichts dazwischen kommen! Verspäte ich mich, bekomme ich erst die übernächste Bahn später!
Warum die übernächste???
Ich habe zwar einen Schwerbehindertenausweis und darf jederzeit um einen Sitzplatz bitten (morgens, wenn die S-Bahn voll ist, wird auch die Luft knapp, weil sehr verbraucht!) - habt Ihr das mal ausprobiert?
Die jungen Leute haben Knopfhörer in den Ohren und bekommen nichts mit, die Blicke sind starr auf die Smartphones gerichtet (sie stellen sich tot?), die Männer ignorieren mich... wer ggf. aufsteht, sind ältere Frauen, denen ich ihren Sitzplatz gönne!!!
Ich weiß natürlich längst, welche S-Bahnen etwas leerer sind und lasse dann bedarfsweise die eine oder andere Bahn fahren, bis eine kommt, in der ich mich problemlos hinsetzen kann... (Ich habe eine halbe Stunde bis zum Hauptbahnhof, danach zwei Male umsteigen, aber ohne weitere Probleme.)
Am Hauptbahnhof beginnt dann die "Rennerei" durch die Treppen- und Tunnelsysteme. Ich bin nur ein wenig langsamer als die Masse, aber das genügt schon, um evtl. umgerannt zu werden. Beginnend damit, dass ich bei den Treppen (abwärts ist kein Problem für mich) gerne rechts am Handlauf gehe (ich habe auch noch ein Knie mit Macke und fühle mich sicherer, wenn ich im Zweifelsfalle mich schnell festhalten kann) und andere Leute damit ausbremse, weiter... mich freue, wenn die Rolltreppen aufwärts funktionieren!!!
Bei Rolltreppen außer Funktion könnt Ihr Euch vorstellen, dass ich dann, oben angekommen, gern irgendwo stehenbleiben und verschnaufen würde - aber nirgends ist Platz und Gelegenheit, überall wird gerannt... und zahlreiche Leute mit "Ziehköfferchen"/Trolleys kommen mir noch in den Weg, muss aufpassen, dass ich nicht falle...
Das Ganze setzt mich so unter Stress, dass ich im letzten Abschnitt mit der U-Bahn dann schon ziemlich "erledigt" bin.
Aussteigen - an den meisten Tagen ist die Rolltreppe in Ordnung, ca. 50 m noch bis zur Firma... bin ich knapp mit der Zeit, gehe ich auch (aus Versehen und Reflex!) noch viel zu schnell und komme völlig aus der Puste an ;-)
Meine Kollegin sieht mir seit einiger Zeit an, wenn es mir nicht so gut geht und lässt mich ein paar Minuten in Ruhe, neuerdings hat auch meine Chefdame schon mal etwas wahrgenommen...
Ich habe Glück, dass ich im Büro arbeite. Allerdings muss man auch dabei manchmal durch die Räume gehen, hier und dort etwas erledigen (was ich völlig in Ordnung finde, außerdem strengt auch das stundenlange Sitzen an!)... nach einer Runde durch die Firma wird mir manchmal die Luft knapp, was ich eigentlich erst merke, wenn ich unmittelbar danach, ich sitze noch gar nicht wieder, ans Telefon gehen muss. Hole dann zwei Male tief Luft und melde mich dann - noch im Stehen...
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Ich habe einen GDB von 50, was meinen Chef (und seine Frau, die sich um Personalsachen kümmert) verwunderte, am meisten ärgert man sich darüber, dass ich fünf Tage mehr Urlaub habe als alle, dass ich aber wirklich eingeschränkt bin, nimmt niemand wahr.
Außer meiner Kollegin, die inzwischen sehr wohl weiß, dass ich keine Ordner schleppen kann, ich Schwierigkeiten habe, mich zu bücken, weil mir dann die Luft abgeklemmt wird (das betrifft auch das Ausräumen der Spülmaschine in der Firma)... aber wir führen ja auch seit vielen Jahren so eine Art "Zwangsehe"...
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Ich lebe alleine und versorge mich alleine. Das bedeutet, ich muss einkaufen und Einkaufstaschen schleppen. Mein "Hackenroller" kommt immer dann zum Einsatz, wenn ich absehen kann, dass ich etwas mehr einkaufe. Aber bei "ein paar Dingen am Feierabend" gleich auf dem Rückweg von der Arbeit verliere ich auch gern mal den Überblick und kaufe zu viel ein... muss dann sehen, wie ich (langsam! mit Pausen...) den Rückweg bewerkstellige.

Von der Straße führt eine Treppe zur Ebene meiner Wohnanlage hoch, 2 x 9 Stufen mit Absätzen und einem Plateau dazwischen. Wenn ich gedankenverloren die ganze Treppe plus den Rest bis zur Haustür gehe, habe ich einen guten Tag! Meistens muss ich, oben angekommen, eine Pause einlegen... dann suche ich in meiner Handtasche schon mal meinen Haustürschlüssel... bin für die Nachbarschaft relativ unauffällig.
Geht es mir nicht so gut oder habe ich Einkäufe zu tragen, manchmal reicht es auch, wenn in meiner Handtasche ein "Extra" ist, muss ich oben angekommen erstmal verschnaufen. Mich haben schon Nachbarn gefragt, ob ich "in Ordnung" bin. Nur kann ich in dem Moment gar nicht sprechen, dafür fehlt mir die Luft. Später nochmal darauf angesprochen, reagierten sie verärgert, sie hätten "ja gar nichts gesagt." (Ausnahme ist ein Nachbar, mit dem ich gelegentlich ins Gespräch komme, der die Situation richtig einschätzt und so lange selber redet, bis ich wieder sprechen kann!) Ich selber finde die Verschnaufpause gar nicht so schlimm, habe die Gelegenheit, meinen Schlüssel schon mal aus der Tasche zu holen... Vermutlich alles Gewohnheitssache?
Dann noch 50 oder 100? Meter, dann bin ich bei meiner Haustür *schnauf* - nochmal ein paar Stufen, bis ich in meiner Wohnung bin. Dann Pause. Außer, wenn ich Tiefkühlware eingekauft habe, die muss noch sofort in den Gefrierschrank. Ansonsten bleiben die Einkäufe erstmal eine halbe Stunde stehen und liegen, bis ich wieder einen akzeptablen O2-Wert von > 90 % habe.
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Die Beispiele sind aus meinem Alltag gegriffen, decken natürlich nicht die ganze Bandbreite ab...
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Bei meinem ganzen "Geschwafel" geht vielleicht das Wichtigste unter...? Ich sehe gesund aus, arbeite normal, versorge mich alleine... und bin trotzdem an manchen Tagen ziemlich "am Ende," was niemand mitbekommt.

Bezüglich meiner Arbeit wirke ich normal -- gelegentlich frage ich einen Kollegen... ich habe (immer schon) Angst, auf eine Leiter zu steigen (um Sachen aus der Ablage zu suchen, die auf unserem Schrank ist!)... schwere Ordner schleppe ich nicht ins Archiv...
Die Kartons mit dem Endlospapier für den Nadeldrucker kann ich auch nicht schleppen und einspannen (bücken und beugen, hinknien), da frage ich auch schon mal - meine Kollegin weiß Bescheid aber manchmal ist sie ja auch im Urlaub oder krank...

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Alltagsgedanken. Ich arbeite in Vollzeit. Ich fahre an manchen Tagen in einem regelmäßigen Turnus zu meiner Mutter (89 Jahre alt) und kümmmere mich um dies & das..., an manchen Wochenenden fahre ich (mit Öffis) zur Tochter, um ihr mit den Babys zu helfen (macht glücklich, strengt aber auch sehr an!), wenn ihr Mann arbeiten muss (Schichtdienst)... bin manchmal ziemlich geschafft hinterher ;-)
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Selten, viel zu selten, mache ich etwas Besonderes (Kunst, Kultur...), komme viel zu spät nach Hause... aber es tut mir gut!
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Meine Kollegin hat geheiratet. Ich bin eingeladen worden zur Trauung und anschließendem Empfang mit Essen... zusammen mit den “älteren Leuten”... weil ich eine Feier am Abend bis zum nächsten Morgen nicht mehr durchhalte... schon seit vielen Jahren nicht mehr tanzen kann (was ich leidenschaftlich gern gemacht hatte)... außerdem sind die meisten Kollegen starke Raucher... Das ist okay und auch mit mir abgesprochen... Zu den Firmenweihnachtsfeiern gehe ich seit Jahren nicht mehr... aus den gleichen Gründen... Ich bin meistens um 21 Uhr bettreif... halte keine langen Abende mehr durch... Ein Essen zu später Stunde macht mich “schachmatt” - dann habe ich nur noch knapp genug Luft für einen Heimweg...
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Ein Alltag mit dieser Krankheit ist möglich, anstrengend, notwendig, muss sein..
Résumé: Alles ist gut, so lange du normal fuktionierst. Was dir tatsächlich Schwierigkeiten macht, bekommt sowieso fast niemand mit.
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Was ich bisher vergessen habe bei meinem Bericht... Urlaub!
Seit ein paar Jahren verreise ich. Allein, weil ich Single bin. Ich habe mich in Italien verliebt, lerne seit einigen Jahren die Sprache (oder versuche es zumindest). Da es immer Flüge von höchtens zwei Stunden Dauer sind (Norditalien wird leider von Hamburg nicht mehr direkt angeflogen!), meistens mit Stopp und Wartezeiten (in Frankfurt oder Wien oder Paris)... komme ich ganz gut klar.
Wichtig ist für mich, mein Handgepäck sehr reduziert zu halten, denn die Wege durch die Flughäfen sind für mich sehr anstrengend - je mehr Handgepäck = Schlepperei, desto schlimmer... ansonsten ist es eigentlich gut, wenn nach einer Stunde eine Pause eingelegt wird, ich bin nicht so erschöpft wie nach einem zweistündigen Flug, den ich aber auch relativ gut überstehe. (Bin bisher nach Rom, Florenz, Verona geflogen. Und Dublin, ja, nicht Italien ;-) ) Auf alle Fälle bin in ich am Anreisetag dann - in der Unterkunft angekommen - ziemlich “platt.”
Ob ich längere Strecken überhaupt fliegen darf, bleibt zu untersuchen, wenn ich ein entsprechendes Ziel auf meine Reise-Wunschliste setze...
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Nicht über die Krankheit sprechen, weil sie mir sowieso niemand abnimmt... mit wem denn überhaupt sprechen?
Meine Kollegin versteht mich, wenn ich es ihr erkläre. Meine Chefdame (und dadurch mein Chef) versteht nichts, aber respektiert, wenn ich schnaufe. (Blöd, wenn ich ans Telefon gehe und der Gesprächspartner fragt, ob ich gerannt bin...) Meine Kollegen begreifen nichts, helfen mir aber, wenn ich explizit darum bitte. Meine Familie... klar... ist aber im Alltag nicht um mich. Meine Nachbarn... Mehrfamilienhaus, kennen mich kaum. Ich wohne zwar seit 35 Jahren hier, aber die Anderen nicht...
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Nachtrag, weil ich ein wichtiges Thema ganz vergessen habe: DAS WETTER!
Das Wetter ist für mich nie so wie für gesunde Leute:
Freuen Andere sich über “schönes” warmes Sommerwetter, so ist es für mich zu heiß, zu trocken - ich schleppe mich dann so durch den Tag. Dass mein letzter Urlaub mit der heißen Periode Ende August/Anfang September zusammenfiel, war mein persönliches Pech, ich war so schlapp und knapp mit der Luft, dass ich auf meine Ausflüge verzichten musste und nur die notwendigen Programmpunkte erledigen konnte.
Hinterher, wieder im Büro, dann der Text, ich hätte ja super Wetter im Urlaub gehabt... mein Kommentar, das es für mich nicht so super war, traf auf Unverständnis. Oder es ist zu feucht, zu schwül... Das, was für mich super ist, sind Temperaturen von 20-25 Grad, gerne auch Regen - aber nur mit etwas Wind dabei - oder Sonnenschein in Frühjahr und Herbst. Ungünstig ist auch “knackige Kälte” im Winter, wenn mir förmlich die Luft abgeschnitten wird...

Kommentare:

  1. Hin und wieder hattest du bereits über die Auswirkungen deines Gesundheitszustandes auf den Alltag berichtet aber noch nie in diesem Umfang und Ausführlichkeit. Endlich weiß ich warum du schon so früh aufstehen musst. Bleibt zu hoffen dass es dir weiterhin geling große körperliche Anstrengungen weitgehend zu vermeiden. Damit wir noch lang deine Reisberichte aus Italien oder deine Buchempfehlungen hier lesen können. Einen nicht ganz ernst gemeinten Rat hätte ich noch. Vielleicht hilft es eher ins Bett zu gehen. Die gestrige Folge von Donna Leon war eh eine Wiederholung ;-)
    LG he

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    1. Hallo HE,
      ich hatte den Bericht ursprünglich für eine Facebookgruppe geschrieben und ihn, da ich ihn nun einmal hatte, einfach nochmal hierher kopiert. Eben übrigens noch um den Absatz "Wetter" ergänzt.
      Und: Eine gewisse Anstrengung muss sein! Ich würde gern meine stundenlangen Spaziergänge endlich wieder aufnehmen, aber - ich muss mal suchen, wo - der Alltag ist voller Zeitfresser! In Verona bin ich in sechs Tagen 50 km zu Fuß gegangen (Schrittzähler ist immer dabei...), ich fühlte mich regelrecht fit hinterher. Ganz ohne sportliche Betätigung baut man schneller ab. Moderate Bewegung, keine Belastung auf Normalniveau.
      Und mit meinen Reiseberichten bin ich über ein Jahr im Rückstand (noch etwas, das der Zeitfresser zu verhindern weiß.)
      Gestern hatte ich lange geschlafen und insgesamt einen für mich super Tag, habe viel geschafft, die zweite Partie Blumenzwiebeln gepflanzt, viel eingekauft... aber das Kochen auf morgen verschoben. Und so ausgeschlafen war ich dann spät noch auf - aber Donna Leon lief nur im Hintergrund. Ich kenne die Folgen alle und habe die meisten auf DVD hier für kranke oder trübe Tage ;-)
      LG

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    2. Hej,
      Es freut mich zu lesen, dass du Ziele hast, die du nicht aufgibst. Gut so! Mit meinem Reisebericht hänge ich auch noch etwas. Den ersten Teil habe ich schon fertig und online, ein weiterer Teil ist fertig und geplant aber der letzte Teil muss noch geschrieben werden. Und in dieser Woche startet schon mein nächstes Projekt…
      LG

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