Sonntag, 4. September 2016

Gelesen: Die Magie der kleinen Dinge

Die Magie der kleinen Dinge, historischer Roman
von Jessie Burton
engl. Original "The Miniaturist"
Blanvalet/Random House
ISBN 978-3-7341-0307-0

Warum dieses Buch? "Kauf mich," sprach es zu mir in der Buchhandlung. Das schöne Cover sprach mich an, und ich hatte das unklare Gefühl, schon mal darüber etwas gelesen zu haben.

Klappentext:
"Die junge Nella wird mit dem Amsterdamer Handelsmann Johannes Brandt verheiratet. Als sie sein herrschaftliches Haus an der Herengracht zum ersten Mal betritt, schlägt ihr kalte Abneigung von Seiten ihrer neuen Familie entgegen. Nur ihr Hochzeitsgeschenk spendet ihr Trost: ein Puppenhaus, das eine exakte Nachbildung ihres neuen Zuhauses ist. Doch bald werden Nella mysteriöse kleine Nachbildungen ihrer neuen Familienmitglieder geschickt – und Hinweise auf das, was diese verbergen. Nella beginnt zu ahnen, dass sich hinter der perfekten Fassade der Brandts tiefe Abgründe verbergen – sowie dunkle Geheimnisse, die sie alle in ihren Sog ziehen werden …"

Die Geschichte beginnt mit einem Prolog, geschildert wird die Beerdigung einer Frau. Am Ende wird sich hier der Kreis schließen, zunächst verwirrt diese Einleitung nur.

Nella trifft, 18jährig und frisch mit einem Amsterdamer Kaufmann verheiratet, in ihrem neuen Zuhause ein, wo sie von ihrer Schwägerin und zwei Hausbediensteten empfangen wird. Die Stimmung ist angespannt und unterkühlt, ihr Ehemann, der nicht einmal bei der sehr schlichten Hochzeit in ihrem Heimatdorf ihre Hand gehalten oder sie gar geküsst hat, ist auf Reisen. Außer ihrem grünen Wellensittich, den sie mitgebracht hat, scheint es kein Wesen im ganzen Haushalt zu geben, das ihr freundlich gesonnen ist.

Geschildert wird das Amsterdamer Leben der überwiegend wohlhabenden Leute, der Kaufmannschaft und selbständigen Handwerker in den Jahren 1686/87. Man bekommt Einblick in das soziale und gesellschaftliche Leben aus der Perspektive von Nella. Obwohl nicht in der autobiografischen Form geschrieben, schildert der Roman ihre Sicht, Empfindungen, Entscheidungen. Nella, genauer Petronella, durchlebt eine Entwicklung, gezwungenermaßen wird sie reifer - aber nicht glücklicher.

Nellas Ehemann, Johannes Brandt, schenkt ihr zum Trost - er ist viel im Kontor oder auf Reisen und hält sich auch ansonsten von seiner Frau fern - ein Puppenhaus aus edlem Material, jedoch ohne Inventar. (Anmerkung: Wer schon mal solche Puppenhäuser z.B. im Museum gesehen hat, weiß, dass es sich nicht um ein Kinderspielzeug handelt sondern um eine Art Ausbildungsutensilie in Haushaltsführung für junge Frauen.)

Johannes' gleichgültiges Verhalten ihr gegenüber schmerzt sie sehr. Immer wieder verschwindet er zur Börse, in die VOC (Anm.: die Niederländische Ostindien-Kompanie) oder in sein Lagerhaus unweit der Taverne im Osten, wo einem die Kartoffeln im Munde zergehen. Er straft sie mit Nichtachtung, er kommt nicht mit zur Kirche. Marin nimmt mich wenigstens zur Kenntnis, um mich zu kneifen, denkt Nella. Es ist doch albern, für einen blauen Fleck auch noch dankbar zu sein! Sie hat den Anker ausgeworfen, aber er hat keinen Halt gefunden. Und so wird sie mitgerissen von einem gewaltigen, rauen, aufgewühlten und gefährlichen Meer.  

Nella findet in "Smits Liste" die Adresse eines "Miniaturisten," den sie zunächst mit kleinen Bestellungen beauftragt.

In Folge erhält sie mehr als bestellt, jedoch geben ihr die Dinge Rätsel auf. Rätsel, die sie annähernd erst am Ende der Geschichte lösen kann.

Sobald Cornelia mit einem letzten Blick über die Schulter das Zimmer verlassen hat, kippt Nella den Inhalt des Päckchens aufs Bett. Mit so etwas hätte sie nie gerechnet! Auf einem blauen Streifen Samt liegen acht Püppchen. So lebensecht und zart, makellose Kunstwerke. Nella fühlt sich wie eine Riesin, als sie so vorsichtig nach einem davon greift, als könnte sie es zerbrechen.

An dieser Stelle hatte ich, dem Buchtitel gemäß, tatsächlich etwas wie Magie erwartet.

Die Erzählung zieht sich dahin, die Personen gewinnen an Kontur, der Winter in Amsterdam legt sich mit Düsternis aufs Gemüt.

Die ersten ca. 170 Seiten empfand ich als Quälerei. Trotz der ausgesucht schönen Sprache war das Buch unendlich langweilig. Ab ungefähr dem zweiten Drittel nimmt das Ganze ein wenig an Fahrt auf, und langsam wächst das Interesse am Fortgang der Geschichte.

Nicht nur, dass finanzielle Probleme am Horizont auftauchen und damit soziale Wirren ans Tageslicht bringen, nein, der wohlangesehene Kaufmann Brandt wird eines Vergehens beschuldigt, eines Verhaltens, das in der damaligen Zeit, in der Pseudo-Religiosität und strenge Moralvorstellungen sowie die Gier der Meute nach spektakulären Gerichtsverhandlungen eine große Rolle spielen, zu keinem anderen Ende führen kann als der Verurteilung.

Verurteilt dazu, mit einem Mühlstein am Hals der Nordsee übergeben zu werden.

In den Tagen der Gerichtsverhandlung spielt sich im Hause Brandt ein ganz anderes Drama ab, an dessen Ende Nellas Schwägerin stirbt - und neues Leben beginnt.

Nella sinniert über ihr Puppenhaus, betrachtet die Püppchen und kleinen Dinge - um dann das Puppenhaus zu Feuerholz zu machen.

Muss man nicht lesen.

Wer es trotzdem lesen möchte, dem schenke ich mein Exemplar. Entsprechender Kommentar genügt.

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