Montag, 8. August 2016

Gelesen: Über Nacht war alles anders

Über Nacht war alles anders (Flüchtlingsschicksal)
von Elfriede Mosenthin
Rosenheimer Verlagshaus
ISBN 978-3-475-54148-3

Warum dieses Buch? Spontankauf bei Thalia.

Klappentext:
"Elfi hat alles, was sie sich im Leben wünscht. Ohne Sorgen wächst sie auf dem Gut der Familie in Polen auf. Die Eltern tadeln das Naturkind nur selten. Doch Elfi hat neben ihrem freien Geist auch einen wachen Verstand. Längst weiß sie, dass dunkle Wolken ihr Paradies bedrohen.
Der Einbruch des Zweiten Weltkrieges verändert alles. Ihre Familie wird vertrieben. Sie muss lernen, sich anzupassen, um überleben zu können. Das unbedarfte Kind wird zu einer starken Frau, die nie die Hoffnung verliert.
Diese bewegende Geschichte beruht auf den Erinnerungen Elfriede Mosenthins, Autorin der bekannten »Nachtschwester«-Romane, die darin beschreibt, wie sie das Schicksal zum Beruf der Nachtschwester führte."

Elfriede wächst als jüngstes Kind sehr frei auf, auf ihrem Pferd Ajax auszureiten, das ist ihr größtes Glück. Hauspersonal und Kindermädchen, dem sie so manchen Streich spielt, sind selbstverständlich. Die ältere Schwester Annelies feiert Verlobung, und am nächsten Tag muss ihr Verlobter Hans schon wieder an die Front. An diesem Abend erfährt Elfi zum ersten Mal, dass es unerwünscht ist, bestimmte Dinge laut zu sagen. Nicht nur unerwünscht, sondern auch gefährlich.

1943, der Krieg scheint in weiter Ferne zu sein, obwohl immer wieder Briefe von Elfis Bruder und Annelies Verlobtem von der Front eintreffen, schließt Elfi die Mittelstufe der Schule ab. Mehr ist nicht mehr möglich, da die Schule zum Lazarett umfunktioniert wird. Die Schwester Christine heiratet:

So kurz nach Jans Urlaub war natürlich nicht daran zu denken, dass er schon wieder herkommen durfte, also willigte Christine wohl oder übel doch in eine Ferntrauung ein. Ein bisschen traurig war sie darüber schon, denn was war das für eine Hochzeit, wenn sie ohne Jan an ihrer Seite getraut würde?

Ich werde jetzt nicht hier die ganze Geschichte nacherzählen... Die Familie muss fliehen, erst in die Tschecheslowakei zu Verwandten des Verlobten, die Schwester bekommt ein Kind, nach dessen Tod die Familie weiter zieht... Elfi verliebt sich nach Kriegsende in einen amerikanischen Soldaten, den sie jedoch nicht heiraten kann, nachdem Gottfried sie mit List und Tücke geschwängert und deshalb geehelicht hat... Es folgt eine lange Zeit in Armut, mit Sorgen um die Kinder, die immer mehr werden, der Mutter, die ihr stets eine Hilfe ist - trotz angegriffener Gesundheit - und der Schilderung des Heranwachsens ihrer Kinder, dem Verlaufe ihrer Ehe...

Von Zeit zu Zeit ließ er mich das gerne spüren, dass meine Herkunft jetzt nichts, aber auch gar nichts mehr wert war. Ich war immer froh, wenn Mutter solche herabsetzenden Worte nicht anhören musste, denn dann war sie immer schwer gekränkt und zog sich traurig zurück. Manchmal hörte ich sie dann auch nachts in ihre Kissen weinen. Er wiederum wurde aggressiv, wenn sie ihm tagelang aus dem Weg ging...

Ich habe im Laufe der Jahre viele Geschichten aus der Kriegs- und Nachkriegszeit erzählt bekommen, jedoch war mir hier im Norden die Vertriebenenproblematik immer fremd geblieben. Dieses Buch füllt die Wissenslücke, ohne einzig trockenene Fakten zu vermitteln. Die persönliche Geschichte der Elfi ist sehr flüssig und unterhaltend geschildert, man lebt und bangt mit ihr, hofft ständig, dass ihr Leben doch in ruhigere Bahnen gelenkt würde.


Die Geschichte erzählt ein Vertriebenenschicksal, das nie ganz und gar hoffnungslos wird, gelegentlich sogar mit Humor. Während des Lesens war ich sehr berührt, habe mit Elfi gezittert und gewünscht, dass manches besser würde.

Das Buch ist locker und leicht geschrieben, trotz des tragischen Hintergrundes, und ich kann nicht anders als es zu empfehlen.

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