Mittwoch, 6. Juli 2016

Gelesen: Im Schatten des Kauribaums

Im Schatten des Kauribaums, Sarah Lark (Roman)
Bastei Lübbe Taschenbuch
ISBN 978-3-404-16756-2

Warum dieses Buch? Ein Griff vom Remittendentisch

Ein sehr guter Griff.

Klappentext:
"Neuseeland, 1875:
Lizzie und Michael Drury haben sich den Traum von einer großen Schaffarm erfüllt, vor ihnen liegt eine verheißungsvolle Zukunft. Doch ihr Leben gerät jäh aus den Fugen, als ihre älteste Tochter Matariki entführt wird - von ihrem leiblichen Vater, dem Maori-Häuptling Kahu Heke...
Während die Drurys um ihre Tochter bangen, steht der Familie Burton ein scheinbar glückliches Ereignis bevor: Kathleens Sohn Colin kehrt nach Neuseeland zurück. Noch ahnt niemand, was der junge Mann heraufbeschwören wird...
Zwei Familien sind auf schicksalhafte Weise miteinander verbunden, denn die Vergangenheit lebt in der Gegenwart weiter."

Ohne es zu wissen, hatte ich den mittleren Teil einer Trilogie gekauft und dann als einzelnen Roman gelesen, was ohne Vorkenntnisse der Gesamtgeschichte problemlos möglich war.

Im vorderen Teil des Buches ist eine Karte Neuseelands abgebildet, die ich gelegentlich angeschaut habe, um die geographische Orientierung nicht zu verlieren. Genau so folgt auf der nächsten Seite ein kleiner Stammbaum der handelnden Familien. Hilfreich, aber nicht zwingend erforderlich.

Die Geschichte beginnt damit, dass Matariki Drury an der "Otago Girls' School" in Dunedin angemeldet wird, wo sie der Einfachheit halber (und weil der Maori-Name gar so fremd für die Lehrerfräuleins klingt) Martha genannt wird. Matariki hat damit keine Probleme, ist eine gute Schülerin, ist integriert, ohne enge Freunschaften eingegangen zu sein. Ein Bild der Familie Drury wird vor dem Leser entrollt.

Eines Tages wird Matariki von Maori entführt, als Häuptlingstochter "mit magischen Gaben" soll sie ihrem Vater Kahu Heke helfen...

Familie Burton wird uns vorgestellt, ursprünglich irisch-englisch. Reverend Burtons und Kathleens ruhiges neuseeländisches Leben nimmt ein Ende: Erbschaftsangelegenheiten führen die Familie - Tochter Heather, unverheiratete Künstlerin, ist dabei - nach England ,wo sie auch mit Colin zusammentreffen, Kathleens "ungeratenem" Sohn aus erster Ehe, der ihnen eröffnet, zurück nach Neuseeland kommen zu wollen.

Die Burtons fahren weiter nach Treherbert in Wales, ein Bergarbeiterdorf, in dem Violet Paisley lebt. Violet ist Tochter von Ellen und Jim Paisley. Es sind arme Leute, der karge Lohn wird im Pub in Alkohol umgesetzt, und Ellen wird regelmäßig mißhandelt, was Violet und ihre kleine Schwester Rosie - schon bedingt durch die räumliche Enge - mitbekommen.

Es werden die Lebensumstände der Familien, die sozialen Schichten und Kulturen aller Beteiligten in einem grandiosen Geflecht vor dem Leser ausgebreitet, diese drei großen und viele kleinere Handlungsstränge werden geschickt miteinander verknüpft, man kann nicht umhin, mit Violet, später auch Chloé (Freundin von Heather) zu lieben und zu leiden.

Mit Matariki erlebt man eine kurze Episode beim Maori-Stamm ihres leiblichen Vaters, eines Kriegerhäuptlings, ihre Flucht in die feindselige Stadt Hamilton und ihren Überlebenskampf, schließlich die sich entwickelnde Freundschaft zu einem jungen Maori und einer Zeit in einem beispielhaft geführten Distrikt der Maori... bis sie sich verliebt in - STOP

Von Neuseeland und seiner Geschichte wusste ich bisher nicht viel, die Problematik der unterdrückten Maori erinnert an die der amerikanischen Indianer, eine fremd- und großartige Landschaft wird geschildert, Abenteuer und große Gefühle inklusive.

Bis sich alles ersteinmal zum Guten zu wenden scheint, sogar für Violet.

"Und jetzt stoß den karanga aus!" 
Matariki wandte sich verwirrt zu ihm um. "Aber ... aber das kann ich nicht..."
"Tu's einfach!" der ariki hob die Arme, und die Krieger verstummten voller Ehrfurcht. "Die Tochter der Sterne wird jetzt die Geister rufen!", verkündete er.
Matariki schwankte. Es war zweifellos tapu, wenn sich ein Mädchen wie sie am karanga versuchte. Das Privileg, mit diesem Schrei ein spirituelles Band zwischen den Menschen ihres Stammes und ihren Besuchern zu knüpfen, gehörte der ranghöchsten, ältesten Frau eines Stammes.
Nun, so gesehen fiel es hier Matariki zu. Schließlich war sie die einzige Frau ... Matariki nahm all ihren Mut zusammen und schrie.
Wenn Hainga auf der Südinsel den karanga ausstieß, schien die Erde in ihren Grundfesten erschüttert zu werden. Die Welt der Götter schien die der Menschen zu berühren und alle Zuhörer in einen Kreis zu ziehen, den das Universum selbst beschrieb. Der karanga war etwas Heiliges - Matarikis Schrei jedoch klang kaum anders als der ihrer Zimmergenossin Mary Jane beim Anblick einer Maus in ihrem Schlafraum.

Dieses Buch hat mich für Tage in eine fremde Welt versetzt, verzaubert, hoffen, fiebern, bangen lassen. Mehr kann man von einem Roman nicht verlangen.


Weil ich nun natürlich süchtig nach "mehr" bin, sind der erste und dritte Band (antiquarisch und in ausgezeichnetem Zustand) gerade hier eingezogen, müssen sich aber brav einreihen in meinen Stapel ungelesener Bücher. (Band 1: Das Gold der Maori, Band 3: Die Tränen der Maori-Göttin)

Kommentare:

  1. Oh das hört sich gut an,Gudrun!
    Tolle Besprechung und ich werde versuchen mir die Titel auch zu beschaffen!!So eine abtauchen Lektüre kann ich gut gebrauchen.
    Danke!
    LG Angelika

    AntwortenLöschen