Mittwoch, 12. März 2014

Buch des Monats März: Außenseiter der Gesellschaft

Mein dritter Beitrag zur BuchBlogParade von Eva Maria Nielsen.

Warwick Deeping, „Außenseiter der Gesellschaft“
1955, Bertelsmann Lesering, Titel der Originalausgabe „Roper’s Row“
aus dem Englischen übertragen von Curt Thesing

Mein Buch des Monats März

Warum eigentlich? Ich habe dieses Buch im Laufe meines Lebens mehrere Male gelesen, und jedes Mal hat es mich anders angesprochen, je nach meinem Lebensalter. Als junges Mädchen war es einfach ein Buch unter vielen anderen, die mein Vater mir empfohlen hatte. Später bezauberte mich die vermeintlich altertümliche Sprache, jetzt ist es eher das Eintauchen in die Gesellschaftsstruktur einer sehr lang vergangenen Zeit.

Christopher Hazzard, mit einer Gehbehinderung geboren und dadurch körperlich benachteiligt, ist der Inbegriff eines sehr eifrigen, geradezu leidenschaftlichen Medizinstudenten. Seine Mutter, die ihn liebt und immer gefördert hat, kann ihn finanziell nicht unterstützen, so dass er mit kleinen Jobs und rigoroser Sparsamkeit in seiner kleinen Dachkammer ein sparsames, geradezu ärmliches Leben führt.

"Er öffnete die Holztüren der beiden Zuckerkisten, nahm einen Petroleumofen, einen Kessel, einen halben Laib Brot, ein Stück Holländer Käse, einen weißen Milchtopf, zwei blaue Teller, eine braune Teekanne, einen Teelöffel und ein Messer mit schwarzem Griff heraus. Er ordnete die Sachen auf dem Tisch. Der Petroleumofen war peinlich sauber, sonst hätte der Duft jener Wiltshirerosen nicht noch immer in dem Zimmer geschwebt. Sorgfältig und genau, ja, fast zaghaft deckte er den Tisch, als gehöre es zu seiner Selbsterziehung, das Beste aus dem wenigen zu machen, was er besaß."

Wie es Menschen, die ein wenig anders sind als die Anderen, immer schon ergangen ist, so wird auch Hazzard von seinen mitunter übermütigen, auch manchem bösartig veranlagten, Mitstudenten schikaniert und so manch übler Streich gespielt. Den Begriff „Mobbing“ gab es noch nicht, bezeichnet aber genau diesen Sachverhalt.

Auf derselben Etage des Mieshauses in der Ropers Gasse Nr. 7 wohnt das Fräulein Ruth Avery, das sich tags als Stenotypistin durchs Leben schlägt und bis in die Nacht hinein mit ihrer Schreibmaschine laut klappernd Texte abtippt, um ein wenig Geld hinzu zu verdienen.

Aus heutiger Sicht bezaubernd altertümlich-umständlich lernen sich nun der Medizinstudent und das Fräulein kennen – und auch wieder nicht. Das mühsam-höfliche Gebaren, nicht ausgesprochene Gedanken, große und kleine Missverständnisse, all dieses wirkt wie ein Tanz mit komplizierter Choreografie, und es dauert mehr als ein halbes Buch lang, bis sie einander „kriegen“ und fast nochmal so lang, bis sie sich ihrer Liebe sicher sind.

"Genau, wie sie sich an jenem ersten Abend eine Schürze umgebunden hatte, unterzog sie sich jetzt der Arbeit einer Haushälterin, und Hazzard brauchte nur zuzusehen und nachzudenken und sich zu freuen. Sie fegte und säuberte sein Arbeitszimmer; sie machte die Betten und kochte, obwohl der Himmel allein wußte, wo und wie sie das Kochen gelernt hatte. Sie war stets gegenwärtig, unterwürfig, sanft und schweigsam."

Ein wunderbarer Gesellschaftsroman, der vergangene Zeiten wieder belebt und bei aller be- und verzaubernder Romantik dem Leser, mehr noch der Leserin, vor Augen führt, wie sehr sich die Rollenklischees aufgelöst haben und wie entspannt wir in aller Regel miteinander umgehen!

Auch, wenn die Veröffentlichung dieses Romans etwas her ist, er ist antiquarisch vielerorts erhältlich, eine einfache Internetsuche führt zu zahlreichen Treffern.

Kommentare:

  1. Danke für das Buch, Ich kenne es noch nicht, aber es erinnert mich an die Reihe Bücher, die im Wohnzimmer meiner Eltern stand. Ich mag so altmodische Bücher - nicht immer, aber ab und zu gerne!

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    1. Danke fürs Vorbeilesen, Eva Maria. Aber genau so geht es mir auch, ab und zu mag ich diese Bücher sehr. Dieses spezielle Buch hat allerdings nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen, deshalb greife ich alle paar Jahre danach ;-)

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