Dienstag, 29. Januar 2013

#Aufschrei

Ich leihe mir die Überschrift aus, die eigentlich das Twitter-Stichwort ist bzw. war. Es war und ist eigentlich nicht meine Art, mich an allerorten kursierende Themen blogtechnisch anzuhängen. Aber dieses ist anders. Wer bisher nichts davon mitbekommen hat, findet vielleicht hier einen guten Einstieg ins Thema - und am Ende des Textes von Frau Kaltmamsell sind weitere Links. Dann genügt es, den weiteren Verweisen kreuz und quer zu folgen.

Es geht um Sexismus und sexuelle Gewalt, ausgelöst durch ein veröffentlichtes Politikerportrait im "Stern", geschrieben von einer Journalistin. Nachdem auf Twitter wohl etwa 60.000 Kurzberichte (Twitter ist immerhin ein "Kurznachrichtendienst" im Net - ich selber bin nicht dabei) von Betroffenen  veröffentlicht waren, stellte sogar Herr Jauch kurzfristig Thema und Gästeliste seiner Gesprächsrunde am Sonntagabend um. Nur deshalb sah ich mir die Sendung an.

Die Initiatorin der Twitter-Aktion, Kommunikations- und Medienfachfrau, war ruhig und sachlich, Alice Schwarzer, chapeau!, finde ich, je alter sie und ich werden, immer besser, starke Frau, die ehemalige Nachrichtensprecherin und Willy Brandt-Begleiterin (habe ich das richtig verstanden, sie gehörte zu seinem "Fanclub"?) Frau Bruns spielte die Thematik herunter, Herr Jauch war, so wollte es mir scheinen, ein wenig überfordert. Die anwesenden Herren (schon fast vergessen) haben keinen großen Eindruck auf mich gemacht.

Am Montag und auch nochmal heute habe ich das Thema des Sexismus/sexuelle Gewalt in diesem Kontext im Büro angesprochen - nur unter uns drei Frauen. (Handwerksbetrieb, Männerdomäne, aber: alle Kollegen sind außerordentlich höflich und wissen sich zu benehmen.)

Die EINE stimmte im Wesentlichen mit der o.g. Dame Bruns überein, sieht eine unsachliche Verquickung zweier unterschiedlicher Themen "Anmache"/tatsächlich körperliche Übergriffe, vermutet Provokation (der genannten Journalistin im Stern) durch offenherzige Kleidung und/oder flotte Sprüche, soll heißen "selber Schuld". Bezüglich tatsächlicher körperlicher Übergriffe, ich sprach auch von heranwachsenden Mädchen/Angst auf Nachhausewegen etc., war sie der Meinung, dass Jungen genau so gefährdet seien. Im Übrigen würde jetzt das Thema aufgebauscht und eine unheimliche Wolke gemacht, die irgendwann im Nirgendwo verschwinden würde. "Das führt doch zu nichts, was soll das Ganze?" Mit meiner Bemerkung, dass zunächst einmal allen Menschen bewusst gemacht werden sollte, dass das Problem ganz einfach existiert, konnte sie nichts anfangen. Vermutlich, weil kurzfristig ohne praktischen Wert.

Die ANDERE meinte, sie sei mit dieser Thematik noch nie in Berührung gekommen, würde auf freche Sprüche selber mit losem Mundwerk reagieren, sie fände nichts Störendes daran. Ansonsten sei sie nicht auf dem Laufenden, ihr Leben sei angefüllt mit so vielen schönen Dingen, die sie mehr interessieren würden. Und wer nicht so viel wie ich im Internet unterwegs sei, bekäme sowieso nichts mit von dieser Aufregung. Mehr könne sie dazu nicht sagen.

Das, liebe Leser, vor allem LeserINNEN, ist "aus dem Leben gegriffen" - und ich bin erschüttert von so viel Ignoranz.

Ich mache hier mal den Versuch einer eigenen Aufzählung von Vorkommnissen:

  • Mein Chef baggert meine damals noch 17-jährige Kollegen-Freundin an - will mit ihr in die Sauna gehen
  • Selbiger Chef (damals 36, ich 18 Jahre alt) bezeichnet alle weiblichen Mitarbeiter intern mittels körperlicher Merkmale
  • Obige Freundin wird, inzwischen 18-jährig, auf dem Heimweg von der Fahrschule überfallen, bedroht, mit viel Überredungskunst, Tricks und Glück kommt sie davon
  • Eine meiner Töchter wird 7-jährig beinahe in ein Auto gezerrt und verschleppt, sie nutzt eine Sekunde der Ablenkung und kann rennen - Anzeige gegen Unbekannt wurde erstattet, war aber aussichtslos
  • Die selbe Tochter wird mit Ende 20 in Begleitung von mindestens der Schwester auf einem öffentlichen Platz in Rom unangemessen berührt und bedrängt - sie erstattet Anzeige
  • Die andere Tochter berichtet, dass in Rom beim Besuch von Lokalen jede Frau ohne männliche Begleitung als Freiwild behandelt (begrapscht) wird
  • Ich, 20-jährig, im Bewerbungsgespräch (Ende der 70er Jahre) soll einen Personalbogen ausfüllen. Es wird u.a. der Beruf des Ehemannes erfragt. Ich verweigere, zerreiße den Bogen und ziehe meine Bewerbung zurück
  • Mir sagt fast 30 Jahre später mein alter Chef, ich solle mich (im Büro) um das Geschirr und die Spülmaschine kümmern, weil das "Frauensache" sei. Mein Wutschnauben ist leise, mein Protest besteht nur in Verweigerung
  • Mit Anfang 40 fährt mich eine Bekanntschaft von einem Date nach Hause. 20 Meter von meiner Haustür entfernt, noch im Auto, entpuppt er sich als Busengrapscher. Anstatt ihm eine zu langen (und zu riskieren, dass er aufs Gaspedal tritt), nehme ich tonlos seine Hand zur Seite, steige aus und sehe zu, dass ich hinter meine Haustür komme
Mein Bericht kommt vielleicht ein bisschen spät, aber er war mir ein Bedürfnis.

Hier ist Platz für nachträgliche Aufzählung/en:
  • Derjenige, welcher mir ans Gesäß tatschte, als ich vor 27 Jahren eine Kinderkarre auf einer Rolltreppe balancierte, damit hilflos war
Update 31.01.2013
Ich telefonierte gestern mit der Lady und sprach natürlich auch über dieses Thema. Erstens: Ihre Berichte könnten mühelos meine obige Liste auf dreifache Länge bringen. Die letzten Antatsch-Erlebnisse liegen etwa ein halbes Jahr zurück - die Lady ist 85 Jahre alt! Und im dem sehr gepflegten gesellschaftlichen Umfeld, in dem sie urlaubte, war es nicht möglich, Spektakel zu machen, außerdem ist sie bekanntermaßen nicht sehr standfest (im wörtlichen Sinne), ein Ausweichen hätte sie womöglich stürzen lassen.
Ansonsten ist sie der Ansicht, der medienweite Aufschrei sei "heiße Luft" ohne echte Konsequenzen, denn Männer seien alle im Inneren noch Neandertaler, die ihr Weibchen am liebsten mit der Pompfe niederschlagen und in die Höhle zerren würden. Ich hingegen habe die Hoffnung, dass sich ein - wenn auch leider wohl langsamer - gesellschaftlicher Wandel vollziehen möge. Verantwortlich sollten sich einfach alle Menschen fühlen, ganz besonders aber diejenigen, welche Kinder haben und damit Vorbildfunktion.
(Mein Verweis: Was wären wir Frauen, wenn es keine Alice Schwarzer gegeben hätte, die durch ihr öffentliches und durchaus provokatives Auftreten uns dorthin gebracht hat, wo wir immerhin heute sind? Auch dieser Prozess ist noch nicht beendet, doch innerhalb der letzten etwa 40 Jahre hat sich eine Menge bewegt!) Also bewegen wir bitte die Welt, und wenn es nur ein Aufmerksam-Machen und Zum-Nachdenken-Bringen ist.
Eben entdeckt und für gut befunden: Kirstens Weblog-Beitrag.
Und wieder die Kaltmamsell.

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