Mittwoch, 20. April 2011

Übermut tut selten gut

Oder: Im Überschwang übernommen. (Langer Text!)

Aber den Anfang zuerst, und der ist ganz harmlos: Stell dir vor, du gehst einkaufen und machst mal eben einen kleinen Umweg über das Watt und die Wasserkante. Zugegeben, es ist ein kleines Stückchen Watt, das zwischen dem Ende des Deiches (ich hasse Deiche, ganz besonders solche mit schwarzen Steinbrocken - aber was muss, das muss...) und dem Beginn des Fährhafens liegt. Also über den vermutlich südlichsten Parkplatz der Insel bis zum Ende geschlendert, dort die Düne hinunter - und du stehst direkt im Watt. Unter deinen Füßen knirschen Muschelschalen, ein paar Schritte weiter quetscht du mit deinen Füßen Schlick hoch, noch ein paar Schritte... und du stehst auf allerfeinstem, festem Sandstrand, direkt vor dir rollen die Nordseewellen an deine Füße heran, draußen schaukeln Vögel auf dem Meer.



Von oben rechts strahlt die Sonne aus wolkenfreiem Himmel. Der Tag lacht dich an, die Möwen kreischen, du verlierst das Zeitgefühl. Da war doch noch etwas? Ach ja, einkaufen, nur eine Kleinigkeit zwar, aber notwendig. Also die Düne wieder hinauf und erstmal die Schuhe grob gereinigt. Noch einmal umgesehen.



Neben dir unter dem Baum spielen Kinder. (Echt! Sie spielen ganz richtig!) Und zurück in den Kurort, in dem ich wohne. Ein niedliches, verschlafenes Nest mit kleinstädtischem Charakter, nur belebt durch stete Touristenströme. Immerhin: Das Friesische setzt sich insofern durch, als dass einem von überall ein fröhliches "Moin!" entgegen schallt.

Ich habe Größeres vor heute, was durchaus rechtfertigt, dass ich mir ein Stück von meiner allerliebsten Lieblingstorte, das mich beim Bäcker schon von weitem angrinst, mitbringe und vernichte.

Jetzt, das Fahrrad schwenkt schon die Pedalen und scharrt ungeduldig mit dem Vorderrad, geht es endlich los. Wohin? Immer geradeaus. Nein, ich habe mir kein Ziel vorgenommen - belüge ich mich selbst, denn es ist zu weit - einfach in gerader Linie nach Norden. Auf einer Insel ja eine einfache Angelegenheit, die von Anfang an ihre logische Begrenzung hat. Der Radfahrer wird auf feinen Radwegen, zwar holprigen aber landschaftlich schönen Waldwegen geführt, hohe Kiefernwälder, in denen allerlei Vögel krakeelen, gefolgt von Wiesen und Feldern, dazwischen kleinere Ansammlungen wunderschöner strohgedeckter Friesenhäuser.



So geht es Kilometer um Kilometer, es radelt sich wie von selber. Ich merke nichts davon, dass die Hälfte der Strecke abschüssig ist. Ich bemerke auch nicht den leichten aber stetigen Rückenwind.

Am Ende gibt es ein Ortseingangsschild "Norddorf". Oh, ich bin doch so weit gekommen? Es geht jetzt steil hinunter, zwischen Friesenhäusern hindurch, dieser Ort hat wieder seinen ganz eigenen Charakter, in der Ferne grüne Wiesen, am Horizont glitzert die Nordsee.




Hin! Am Deich angekommen habe ich die Wahl: Entweder radle ich auf der Deichkrone, was mir zu schmal - also riskant - vorkommt, oder auf dem Weg zwischen Deich und Wiese. Ich wähle letzteres, wobei mir allerdings der Blick aufs Meer versagt ist. (Sagte ich schon: Ich hasse Deiche?) Links sind riesige von Wassergräben durchzogene Areale, die von Millionen von Vögeln bewohnt werden. Die ganze Insel ein Vogelschutzgebiet. Ich fahre eine große Runde und bin wieder am Ausgangspunkt Ortsausgang angekommen. Im Wind merkt man kaum, dass die Sonne brennt, aber allmählich habe ich im Gesicht das Gefühl von Sonnenbrand. Also besser "nach Hause" fahren!



Ich folge der Ausschilderung für Radfahrer. Bevor ich merke, dass dieses eine andere Route als auf dem Hinweg ist, ist es zu spät, diese zu ändern. Der Weg führt praktisch pausenlos zwischen Wiesen und Feldern vorbei, selten kommt ein Auto, unterwegs streife ich das eine oder andere Dorf. Die Krux ist: Es geht permanent bergan - mit Gegenwind. Zwischendurch muss ich absteigen und schieben, anhalten, wieder Luft bekommen. Hier gerate ich allerdeutlichst an meine Grenzen und bin sehr froh, als es nach ungefähr der Hälfte der Strecke meist wieder abwärts geht. Es bleibt der Gegenwind. Und das Gefühl, ein verbranntes Gesicht zu haben, trotz Lichtschutzfaktor 30. (Der Sonnenbrand stellt sich hinterher als Rötung heraus, die zum größten Teil bald wieder abklingt.)

An der Ortseinfahrt von Wittdün geht es wieder an einem Wäldchen vorbei, hier sehe ich eine Gänsefamilie seelenruhig den Radweg queren - wieder einmal habe ich die Kamera zu spät im Anschlag und erwische nur noch einen Teil der Familie.


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